Staubwolken der Erinnerung

Markus Lepper

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Das Potential des allegorisch Ruinösen liegt demnach in seiner durch das Fragmentarische gegebenen Vieldeutigkeit und daher in einer maximalen Zeichenhaftigkeit, die sich in der Überdeterminierung nahezu selbst aufhebt und die Leere des Zeichens zum Träger des Neuen werden lässt.
(Walter Benjamin)

 
Der Schleier der Erinnerung liegt über der digitalen Malerei von Julia Nuss. Jedoch scheinen Malerei und Digitalität sich schon im Kern und in der Weise, wie sie Wahrheit generieren, zu widersprechen. Ist es nicht vielmehr so, als würde man durch den Schleier der eigenen Tränen das Geschehen auf einer Bühne beobachten und für das eigene Leben halten? Heute: Frühlingserwachen über dem Nebelmeer, morgen: Depeche Mode im Trockeneis. Dass man der Bilder von Julia Nuss nicht habhaft werden kann, weil sie auf dünnem, halbtransparentem Papier, welches die Fotos in unseren großmütterlichen Alben schützte, in lasierender Unschärfe gedruckt sind, und dass sie in dieser Abstumpfung gerade den inneren Bildern entsprechen, die wir im Hinblick auf die Vergangenheit generieren, genau das macht die Arbeiten der Malerin aus.

Insbesondere die Emotionslosigkeit, mit der ein Tintenstrahldrucker das produziert, was ich als adäquates Bild von Erinnerungen bezeichnet habe, gefällt mir. Allerdings überträgt Julia Nuss diese Anmutung des Sedimentierten, des in vielen Schichten abgelagerten Gemenges aus Einbildung, verkalkter Beziehungen und korrodierter Emotionen auch auf ihre Malerei. Man blickt in eine seltsam tiefe Oberfläche hinein und sieht Bilder, denen man nicht trauen kann. So ist das immer mit der Malerei!
Und während die ewige Auseinandersetzung sich um die Erscheinung von Wahrheit und um die Wahrheit selbst dreht, ist die Simulation die einzige Wahrheit, auf die wir uns verlassen können.
(Aziz und Cuccher, Nachrichten aus Distopia, Kunstforum: 1995)

Richard Hamilton arbeitete in den späten 1960er Jahren an einer Reihe malerischer Collagen, für die er unter anderem auch Kosmetika auf lithographiertem Papier oder eine Anzeige für Toilettenpapier benutzte. In "Soft pink Landscape" zeigt er uns eine Landschaft mit Bäumen und einem Picknick als verschlissene Version einer Idylle, die mit dem Abfall der Realität konfrontiert wird. Auf die unechte Schminke der Objekte, so Tilman Osterwold, folge Hamiltons Verschönerung durch das, was stinkt und die Anfälligkeit festgelegter Images des Schönen, Wahren und Guten irritiert. Die Scheinwelten und manipulierten Romantizismen scheinen die Luft und die Menschen so zu beherrschen, dass sie ihre Verpestung vergessen.
(Tilman Osterwold, Pop-Art, Taschen: 1992)

So wie uns Medien die Wirklichkeit nur vorspielen, sie scheinbar verschönern, idealisieren, benutzerfreundlich und erträglich machen, verkehren Künstler Versatzstücke aus Werbung und Design, von Theorie und Praxis, von Abstraktion und Realität in ihr Gegenteil. Durch die Analyse dieser verschleierten Differenzen, durch das Aufzeigen von Abgründen und die Untersuchung von Hintergründen, gelingt es Julia Nuss mit ihren Arbeiten auch, den Bereich des Unbewussten aufzurufen und einen inneren Erfahrungsraum zu öffnen. Dabei könnte das Besondere dieser Exkursion darin bestehen, neben dem Registrieren, Dokumentieren und ironischen Kommentieren vergangener Ereignisse auch den erzählenden Ton einer romantischen Reise ins Ich zu vernehmen.